Im Gespräch sein und bleiben: Vom Nutzen der Patientenverfügung in der Palliative Care
31. August 2026
Von Dr. Jean-Daniel Strub, Ethiker, Leiter Institut Neumünster
Ist ein Mensch urteilsunfähig, müssen andere für ihn entscheiden. Wie aber kann ich sicherstellen, dass in meinem Sinn gehandelt wird? Ein Instrument, das dabei hilfreich sein kann, ist die Patientenverfügung (hier geht’s zum RUND UM-Kartenset «Patientenverfügung»). Mit einer Patientenverfügung können Menschen im Voraus festlegen, welche medizinischen Massnahmen sie für den Fall, dass sie nicht mehr selber entscheiden können, wünschen – vor allem aber, welche sie ablehnen. Gerade in der Palliative Care, wo die Lebensqualität im Mittelpunkt steht, ist dieses Instrument wertvoll. Es stärkt die Selbstbestimmung der Betroffenen, weil sie mit einer solchen Verfügung ihren mutmasslichen Willen – so lautet der Fachausdruck – dokumentieren können. Und es entlastet Angehörige in schwierigen Entscheidungsmomenten, weil sie so ein besseres Bild davon haben, wie die Person entschieden hätte, wäre sie dazu noch in der Lage. Die Patientenverfügung schafft auf diese Weise idealerweise Klarheit und Sicherheit, und zwar für alle Beteiligten.
Nicht zuletzt fördern Patientenverfügungen den Austausch zwischen Patient:innen, Angehörigen und Behandelnden. Viele Menschen setzen sich im Prozess des Ausfüllens einer Patientenverfügung zum ersten Mal bewusst mit ihren Wünschen und Werten im Blick auf Krankheit und Gesundheit auseinander. Das kann auch helfen, Ängste abzubauen und das Vertrauen in die medizinische Betreuung zu stärken. In der Palliative Care, die auf individuell abgestimmte Begleitung setzt, ist dies ein zentraler Baustein.
Nicht selten können dank einer Patientenverfügung auch Konflikte behoben werden – etwa dann, wenn Familienmitglieder unterschiedliche Vorstellungen von der besten Behandlung haben. Sie bieten auch medizinischem Personal eine Handlungsanleitung, die auf den Willen der Patient:innen zurückgeht. So wird vermieden, dass Behandlungen durchgeführt werden, die nicht den Wünschen der Betroffenen entsprechen – sei es aus Unsicherheit oder aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen. Damit das Ausfüllen einer Verfügung gelingt, bieten viele Organisationen Vorlagen an, neben ihnen leisten auch Hausärzt:innen und Spitäler Beratung beim Erstellen eines solchen Dokument. Wichtig ist, die Patientenverfügung regelmässig zu überprüfen und bei Bedarf anzupassen, damit alle Beteiligten sicher sind, dass die geäusserten Wünsche und Anordnungen aktuell und somit gültig sind.
Natürlich stellen uns Patientenverfügungen auch vor Herausforderungen: Es ist nicht immer leicht, im Voraus zu erahnen, wie sich eine bestimmte Situation anfühlt – und wie man sich dann zu ihr verhalten würde. Auch kann es für die Angehörigen oder das Personal belastend sein, einer Patientenverfügung Folge zu leisten, wenn sich die aktuellen Regungen der Person nicht dem dort Festgehaltenen zu decken scheinen. In solchen Situationen zeigt sich, dass der Respekt vor der Selbstbestimmung der Person zweifellos ein zentrales, aber eben auch ein anspruchsvolles ethisches Erfordernis in der Medizin ist.
Gerade deshalb ist die Patientenverfügung, nicht zuletzt im Kontext der Palliative Care ein bedeutsames Werkzeug, um Würde und Selbstbestimmung bis in die letzte Lebensphase zu wahren. Sie ermutigt und ermächtigt uns, über Verletzlichkeit und Wünsche, aber auch das Lebensende und den Tod zu sprechen – nicht als Tabu, sondern als Teil des Lebens.
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