Wenn ein nahestehender Mensch unheilbar krank ist: Zwischen Handeln und Fühlen
Dr. Joëlle Albrecht
1. August 2026
Unheilbare Krankheiten sind ein schweres Schicksal. Nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Angehörigen. Häufig sind sie stark eingebunden in die Betreuung ihrer erkrankten Liebsten. Sie übernehmen koordinative Aufgaben und unterstützen, wo sie können. Dabei geht zuweilen unter, auch auf sich selbst zu achten. Viele Angehörige merken erst im Nachhinein, welcher Belastung sie sich gegenübersahen. Oder die Belastung wurde möglicherweise sogar bewusst beiseitegeschoben, weil sie aus ihrer Sicht keinen Platz haben sollte – die Person, die leidet, ist schliesslich die erkrankte Person. Sie zu unterstützen gilt es. Aber das ist nicht das ganze Bild.
Dass die Situation Angehörige belastet, ist ganz normal und meist unumgänglich. Die Belastung ist kein Zeichen von Schwäche oder Unzulänglichkeit. Im Gegenteil ist sie Ausdruck der Verbundenheit und Empathie mit der erkrankten Person. Und auch eine Form der Bewältigung: In der Psychologie wird grob zwischen emotionsorientierter und problemorientierter Bewältigung unterschieden. Bei ersterer Strategie wird versucht, die Gefühle und die damit verbundene emotionale Erregung zu regulieren. Die Beschäftigung mit den eigenen Gefühlen ist damit eine Form der Bewältigung. Es ist ratsam, über die Gefühle zu sprechen. Falls möglich, kann es sehr hilfreich sein, die Gefühle auch mit der erkrankten Person zu thematisieren. Ein beidseitig offenes Gespräch bewirkt häufig viel und verdeckte Emotionen wie Schuld oder Scham können sich auflösen.
Wird die Beschäftigung mit den eigenen Emotionen allerdings überwältigend, ist es keine funktionale Strategie mehr. Es ist dann ratsam, sich etwas davon zu lösen, vielleicht auch mit professioneller Hilfe. Und sich mehr problemorientierten Bewältigungsstrategien zu widmen: Damit ist gemeint, das Problem an sich verändern zu wollen. Weil das Problem allerdings eine unheilbare Krankheit ist, sind dieser Strategie natürliche Grenzen gesetzt. Die Unheilbarkeit ist ausserhalb des Kontrollbereichs der betroffenen Personen. Dennoch gibt es immer kleine Zusatzschwierigkeiten, die allenfalls gelöst werden können: Beispielsweise, dass die erkrankte Person sich einsam fühlt. Vielleicht findet sich ein Weg mithilfe von Freund:innen oder Freiwilligen? Oder, dass die erkrankte Person den Wald so liebt, selbst aber nicht mehr hingehen kann. Vielleicht lässt sich ein Ausflug organisieren? Diese problemorientiertere Form des Umgangs kann immer wieder kleine Erfolgsmomente schaffen. Inmitten einer unkontrollierbaren Situation ist das besonders hilfreich.
Und dennoch muss aufgepasst werden, sich nicht vollständig der problemorientierten Bewältigung zu widmen. Man darf nicht der Illusion der Kontrollierbarkeit verfallen: Die Situation ist und bleibt belastend. Angehörige sollten darauf achten, nicht vor lauter Problemorientierung ihre Gefühle zu verdrängen. Letztlich ist es wie so oft: Am besten ist ein bisschen von beidem. Konkrete Problembewältigung zur Stärkung der Selbstwirksamkeit und Beschäftigung mit den eigenen Gefühlen, um diese zu verarbeiten. Was sich ändern lässt, soll geändert werden – und was nicht, soll akzeptiert und verarbeitet werden. In Anlehnung an das Gelassenheitsgebet von Reinhold Niebuhr:
«Nimm dir die Kraft, das zu ändern, was du ändern kannst. Und fühle den Schmerz über das, was du nicht ändern kannst.»
Weitere Beiträge
Kartenset RUND UM
Spiritualität im Alltag erkennen
Vielleicht kennen Sie solche Momente: Sie sitzen bei jemandem, der schwer krank ist, oder Sie sind selbst betroffen, und plötzlich ist da ein Thema im Raum, das niemand anspricht. Eine Frage, die grösser ist als die Krankheit selbst.
Kartenset RUND UM
Mehr als Sterben: Warum das Leben in einem Hospiz lebenswert ist
Von Caroline Walker Miano, Geschäftsführerin des Hospizes HOPE, Oberwallis