Mehr als Sterben: Warum das Leben in einem Hospiz lebenswert ist
1. August 2026
Von Caroline Walker Miano, Geschäftsführerin des Hospizes HOPE, Oberwallis
„Wird in einem Hospiz auch gelacht?»
Diese Frage hören wir oft von Menschen, die unser Hospiz zum ersten Mal betreten. Viele Besucher erwarten einen stillen Ort voller Abschied und Traurigkeit. Manche haben sogar Angst davor, das Haus zu betreten. Und ja – Abschied gehört zu unserem Alltag. Tränen gehören dazu. Schmerz und Sorgen haben ihren Platz. Aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte.
Denn in unserem Hospiz wird gelebt. Neben der hochprofessionellen Pflege durch diplomierte Pflegefachpersonen die rund um die Uhr vor Ort sind, sowie einem ärztlichen Hintergrunddienst mit 24-Stunden-Erreichbarkeit ist es für uns wichtig, dass jeder Mensch individuell wahrgenommen wird.
Jeder Mensch, der zu uns kommt, bringt seine eigene Geschichte mit. Erinnerungen an glückliche Zeiten, Hoffnungen, Ängste, Lieblingslieder, besondere Menschen und manchmal auch den einen grossen Herzenswunsch, der noch erfüllt werden möchte. Eine schwere Erkrankung verändert vieles – aber sie nimmt einem Menschen nicht das Bedürfnis zu lachen, zu lieben oder schöne Momente zu erleben.
Wir erleben jeden Tag, dass auch das Lebensende voller Leben sein kann.
Da sitzt eine Familie gemeinsam im Garten, trinkt Kaffee und lacht über alte Urlaubsfotos. Im Flur erklingt plötzlich Musik, weil jemand sein Lieblingslied hören möchte. Eine Handorgel wird ausgepackt, leise wird mitgesungen, und für einen Augenblick scheint die Krankheit ganz weit weg zu sein.
Es sind diese Augenblicke, die unser Hospiz ausmachen.
Wir erinnern uns an eine fröhliche Pyjamaparty mit bunten Schlafanzügen, Popcorn und einem Film, bis spät in den Abend wurde gelacht. An ein Paar, dass sich das Ja-Wort gegeben hat und dessen Hochzeit wir gemeinsam mit Familie und Freunden feiern durften. An ein kleines Konzert, bei dem Tränen flossen – nicht nur vor Traurigkeit, sondern auch vor Freude, weil Musik Erinnerungen weckt und Herzen berührt.
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Manchmal sind es aber gar nicht die grossen Ereignisse. Oft sind es die kleinen Wünsche, die einen Tag besonders machen: Im August Weihnachtsplätzchen backen, mit den Enkelkindern Karten spielen, den Hund im Arm halten oder einfach gemeinsam auf der Terrasse sitzen und eine Zigarette rauchen.
Jeder dieser Momente erzählt dieselbe Geschichte: Das Leben ist nicht vorbei. Es verändert sich – aber es bleibt wertvoll.
Besuche spielen dabei eine ganz besondere Rolle. Wenn Kinder durch die Flure laufen, Freundinnen und Freunde Geschichten von früher erzählen oder Nachbarn spontan auf einen Kaffee vorbeikommen, zieht ein Stück Alltag ins Hospiz ein. Genau das wünschen wir uns. Denn ein Hospiz soll kein Ort sein, an dem das Leben draussen bleibt. Es soll ein Ort sein, an dem Leben weiterhin stattfinden darf.
Palliative Begleitung bedeutet für uns deshalb viel mehr als eine gute medizinische und pflegerische Versorgung. Sie bedeutet, genau hinzuhören: Was ist diesem Menschen wichtig? Was bringt ihn zum Lächeln? Wen möchte er noch einmal sehen? Welcher Wunsch wartet vielleicht schon lange darauf, wahr zu werden?
Nicht jeder Wunsch lässt sich erfüllen. Aber jeder Wunsch verdient es, gehört zu werden.
Wir können die Zeit nicht anhalten. Doch wir können dazu beitragen, dass die Zeit, die bleibt, mit Leben gefüllt ist. Mit Begegnungen. Mit Musik. Mit Lachen. Mit Liebe. Mit Erinnerungen, die bleiben.
Vielleicht ist das das grösste Geschenk, das wir Menschen am Lebensende machen können: ihnen zu zeigen, dass sie nicht nur Patientinnen oder Patienten sind, sondern Menschen mit einer einzigartigen Geschichte – und mit einem Leben, das bis zum letzten Tag lebenswert ist.
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